Und über allem strahlte hell der Weihnachtsstern

Oft werde ich gefragt: „Sag Anja, ist Weihnachten nicht immer schlimm für Dich und Nils?“

Warum sagt man eigentlich immer: Oh weh. Warum gerade an Weihnachten!?

Kai ist im September im vergangenen Jahr gestorben. Also eigentlich ziemlich genau am sechsundzwanzigsten. Aber darauf komme ich ein ander Mal zu sprechen. Heute ist mir nach Weihnachten zu mute. Letztes Jahr um diese Zeit war mir schon etwas mulmig. Wie wird es werden. Wie anders wird es werden. Diese stille Zeit. Diese heilige Zeit.

Heute und genau jetzt sitze ich hier, blicke raus auf die Terrasse und sehe einen Herrnhuter Weihnachtsstern hell leuchten. Und ich weiß genau – einer, der die Straße entlang fährt und ihn strahlen sieht, freut sich ganz besonders. Ich erinnere mich gern. Der Stern lässt mich lächeln. Was für eine Überraschung damals. Sehr liebe Freunde von uns hatten genau so einen Stern – nur in Orange – hoch oben auf ihrer Terrasse leuchten. Ich liebte diesen Stern. Ich komme quasi aus dem Land der Sterne. Aus dem Land der Weihnachtstradition schlecht hin. Aus dem VogtLAND. Am Fuße des Erzgebirges. Und auf diesen Stern in Orange war ich immer sehr neidisch. Kai konnte meinen Neid gut nachvollziehen. Ich meinte immer: „Joachim, Susi, wenn ihr aus dem Skiurlaub wieder kommt und der Stern hängt nicht mehr an Ort und Stelle. Tja dann sucht bitte NICHT bei MIR. Ich habe ihn nicht! Nein.“ Naja, der Stern hängt natürlich immer noch und leuchtet intensiv Orange an seinem zugedachten Platz.

Und mein Stern – unser Stern, der hat eine ganz besondere Geschichte. Joachims Vater verstarb im Jahr 2009 an Krebs. Joachim und Susi waren sehr gute Freunde von uns. Von unserer ganzen Familie. Von der Sorte, die mir auch heute noch erhalten geblieben ist. Im November erhielten wir die Diagnose: Magenkrebs. Und Joachim – so gern er Kai hatte, es fiel ihm außerordentlich schwer, Kai zu besuchen. Ihm beizustehen. In dieser ersten Zeit. Er ließ Grüße ausrichten, wie nah es ihm ginge und er könne noch nicht kommen. Das würde noch eine Weile dauern. Wie gut konnte ich es ihm nachfühlen. Und dann, es war „zwischen den Jahren“ klingelte es an der Tür. Abends. Joachim und seine Susi brachten uns ein Geschenk. Einen echten Herrnhuter Weihnachtsstern. In strahlend weiß. Diesen Augenblick werde ich niemals vergessen. Heute noch sprechen wir davon, wenn der Stern wie jedes Jahr seinen Platz findet und strahlen dabei um die Wette. Jedes Mal erinnern wir uns. Wie die beiden den Stern gemeinsam zusammen bauten. Wie Joachim Kai gezeigt hat, wie wichtig er ihm ist. Wie er über seinen Schmerz sprang und an unserer Tür klingelte. Danke J & S. Danke von Herzen. Immer und immer wieder und auch heute noch. Kai hat es sehr viel bedeutet!

So sitze ich nun in meiner Erzgebirgischen Zelle, wie ich mein Haus gern nenne. Eisern halte ich hier in Bayern an unserer leuchtenden Tradition fest. In unserer sonst so modernen und stylisch puristischen Welt erfreue ich mich einfach an dem vielen Holz. An den LICHTERbögen. Die Krippe zeigend. Oder erzgebirgische Waldlandschaften. Made in China kommt mir nicht ins Haus. Made in Erzgebirge – handgefertigt – dafür umso mehr. Und ich liebe es.

Obwohl Kai und ich oft sehr verschieden waren – gerade was die Mode an sich oder Einrichtungsgegenstände, Weltanschauungen und Auffassungen aller Art betrafen, so einig waren wir uns im Dekorieren in der Weihnachtzeit. Da dürfen natürlich echte „Rachermannln“ nicht fehlen, ebenso der dazu bekannte Duft der Crottendorfer Räucherkerzchen. Tannenduft. Weihnachtlicher Weihrauch. Und in mitten dieser althergebrachten Traditionen, die auf die neue und moderne Welt treffen – in mitten dieser Werte sitze ich und fühle mich wohl. In jedem Stück steckt Erinnerung.

Wir haben einen Räuchermann, der einen Dachdecker darstellt. Kai war Dachdecker. Er gehörte ihm. An unserem letzten, gemeinsamen Weihnachten schenkten uns meine Eltern noch eine echte Pyramide. Die wünschte sich Kai schon lang. Das beruhigende, gleichmäßige Drehen. Das Lichtspiel an der Decke, durch die Flügel ausgelöst. Heimat. Genau. Es steckt Heimat drin. Und Geborgenheit. Liebe. Zuflucht. Wärme. Erinnerungen. Und ja. Himmel. Ich erinnere mich so gern. Ich schiebe sie nicht schmerzlich beiseite, sondern lasse sie mein Herz erhellen. Ich lebe Weihnachten. Mit jeder Phaser meines Seins. Ich zerschmelze beim Klang von Weihnachtsliedern. Und kenne sie alle. Alle Jahre wieder. Da wurde Dir und mir ein neues Licht gegeben. Und so fühle ich mich heute. Auch mit meinen erwachsenen zweiunddreißig Jahren. Kai lebt weiter. In jeder einzelnen Kerze.

Hmm. Jaaaa, besonders in den Kerzen. Denn er passt auf, dass ich keine aus Versehen brennen lasse und derweil ins Bett gehe. Jawohl Kai liebte Kerzen, besonders im nicht angezündeten Zustand. Jaja. Ich spüre es genau. Sicher verdreht er genau jetzt die Augen.

Das Besondere dieses Jahr für mich ist, zu erleben, wie Nils darin aufgeht. Wie ich ihn mitreißen kann. In diesem Jahr kann er es fühlen. Und das fühle ich wiederum. Wenn wir morgens gemeinsam in der Küche sitzen, der Herr im Haus – also Nils – die Pyramide (natürlich unter Aufsicht) anzündet und ich unsere Lieblings-Weihnachtslieder-CD einschalte. Wie er mit Begeisterung die Lichter in seinem Zimmer, in seinem Fenster bewundert. Wie er sich auf das gemeinsame Plätzchenbacken freut und noch Ehrfurcht gegenüber dem Weihnachtsmann und dem Nikolaus empfindet. Ich hoffe, ich kann ihm diesen Glauben an diese Kinderwelt noch lang erhalten. Dieser Blick, wenn er vom Weihnachtsmann erzählt und bereits jetzt anfängt, sein Gedicht zu lernen. Sich fragt, ob sein Onkel dieses Jahr wohl wieder eins mit der Rute bekommt? Und ob er, ob Nils wohl Geschenke bekommt? All das zu sehen tut mir einfach nur gut.

Natürlich hätte ich gern, dass Kai das miterleben könnte. Das er sieht, wie Nils heranwächst. Und ja, das tut mir weh. Ziemlich sogar. Es treibt mir oft die Tränen in die Augen. Aber, ich spüre es. Und auch ich glaube. Seit dem 26. September im letzten Jahr, weiß ich, dass es etwas gibt, woran zu glauben es sich lohnt. Und Kai ist trotzdem da. Ich weiß es. Ich sehe es. Er ist mitten unter uns und so nah, wie kaum ein Mensch zu sein vermag. Er sitzt ganz fest im Herzen fest.

Na gut…ich glaube, manchmal schwirrt er auch umher. Er sagte mal zu uns, er wird überall dort hinfliegen, wo wir – Nils und ich – auch wären. Auch das glaube ich ihm. Und dieser Glaube lässt mich lächelnd in den Sternenhimmel blicken. Da haben wir es wieder. Über allem strahlte hell der Weihnachtsstern.
Und ich hoffe, Nils die Weihnachtszeit so mitgeben zu können, dass er sie später ebenso erleben kann, wie ich heute. Fern ab von Kommerz und Schnelllebigkeit. Sondern, dass auch er später darin eine ganz wunderbare Zeit sieht. Eine Zeit, die mit dem Rest des Jahres nicht zu vergleichen ist. Eine Zeit, auf die es sich zu freuen lohnt. Eine Zeit, in der man sich tatsächlich besinnt. Zur Ruhe kommt.
Einen Glühwein trinkt. Freunde trifft, Lebkuchen und Spekulatius genießt. Nicht zu vergessen die Unmengen an Butterplätzchen und dem Stollen in Original. Eine Zeit, in der man mit unseren guten Freunden über den Weihnachtsmarkt schlendert oder Schlitten fährt. Oder einfach und spontan die Schneebar eröffnet, der Eierpunsch nach Weidenberger Originalrezept gekocht wird. In der wir eine Schlacht mit Schneebällen führen und Iglus bauen. Eine Zeit, in der wir alles sein können, nur nicht allein. In der wir durch den leise rieselnden Schnee stapfen. In der für uns eine Zeit angekommen ist, die uns eine große Freude bringt.
Und in der stillen Nacht. Ja der Heiligen Nacht ihren Höhepunkt findet. Leuchtende Augen nicht nur bei den Kindern. Das wurde mir von meinen Eltern mitgegeben. Dass der Heilige Abend ein heiliger Abend ist. Ein Abend, an dem wir gemeinsam gedenken, feiern, Lieder singen und uns Freuden bereiten. Und sind die Lichter angezündet, zieht die Freude in jedes Haus. Da soll jedes Kind Freude haben, jedes Kind in jedem Land. Gnadenbringende Weihnachtszeit.

Mein allerliebstes Weihnachtslied – MITTEN IN DER NACHT

„Da wurde mitten in der Nacht ein Kind geboren
Da war mit einem Mal der Himmel nicht mehr fern
Da sang ein Engelschor, Die Welt ist nicht verloren
Und über allem strahlte hell der Weihnachtsstern
Da wurde dir und mir ein neues Licht gegeben
Dass unsere Herzen immer neu erwärmen kann
Und wenn es dunkel wird für uns in diesem Leben
Fängt es mit seiner ganzen Kraft zu Leuchten an.
Bist du erwachsen oder noch klein?
Das dürfte heute Abend gar nicht wichtig sein
Sind wir nicht alle ein Menschenkind
Wann immer wir geboren sind?
Bist du ein Junge oder ein Mann?
War jede Frau nicht auch ein Mädchen irgendwann?
Was uns für immer zusammenhält,
Das fühlen jetzt so viele Menschen auf der Welt
Da wurde mitten in der Nacht ein Kind geboren
Da war mit einem Mal der Himmel nicht mehr fern
Da sang ein Engelschor: Die Welt ist nicht verloren
Und über allem strahlte hell der Weihnachtsstern
Da wurde dir und mir ein neues Licht gegeben
Dass unsere Herzen immer neu erwärmen kann
Und wenn es dunkel wird für uns in diesem Leben
Fängt es mit seiner ganzen Kraft zu Leuchten an.“

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