„Was hat man Ihnen gesagt?“

„Was hat man Ihnen gesagt?“ Diese Frage erfüllt den Raum. Das Sprechzimmer über den Dächern der Stadt. Das Sprechzimmer mit den weißen Wänden und dem kirschroten Teppich. Das Sprechzimmer, in dem wir dem Onkologen gegenüber sitzen. Ich nenne Andreas, der heute ein guter Freund von mir ist, gern den „Onko-Doc.“

Tja, was hätte man uns denn sagen sollen. Allein diese Frage beantwortete auch ohne Erklärung meine im Kopf sitzende, essentielle Frage: „Wie schlimm ist es…?!“

ES begann im Laufe des Jahres 2009. ES kam klammheimlich und veränderte alles. Mit einem Schlag. ES schickte immer wieder kleine Zeichen, die aber alleinstehend und jedes für sich und zeitlich abgegrenzt keinerlei Bedeutung hatten. Im gemeinsamen Zusammenspiel ganz sicher – aber ganz sicher nicht so.

Am 11. November 2009 – ich sehe es vor mir – besangen wir gemeinsam mit unserem damals 4jährigen Sohn Nils und vielen anderen Eltern und Kindern Laternenlieder und die Geschichte vom Heiligen Sankt Martin. Ein Pferd führte den leuchtenden Kinderreigen an. Das Pferd, das dann auch noch verheißungsvoll auf die Straße kotzte. Wir standen in Gruppen beisammen, tranken Glühwein, traten auf der Stelle um die Füße nicht noch kälter werden zu lassen, lachten, erzählten. Kinder – alle miteinander zufrieden und aufgeregt sprangen im Laub, aßen Martinsmännchen und hatten einfach Spaß daran, die Dunkelheit des zeitigen Abends mit ihren Lichtern zum Leuchten zu bringen.

Wir standen mit unseren Freunden beisammen und hatten schlicht eine schöne Zeit. Bis ich nach rechts schaute und sah, dass Kai irgendein Problem hatte. Irgendwie schien ein Teil des geschluckten Brötchens weder vor noch zurück zu wollen. Der Schmerz und das Unwohlsein standen ihm buchstäblich ins Gesicht geschrieben. Ich geriet leicht in Panik, nicht wissend, was zu tun wäre. Eine ganz ordentliche  Menge Kinderglühwein – und Kai hasste Glühwein jeder Art! – verschaffte Besserung – postwendend zerrte ich ihn beiseite und zwang ihn in meiner Art, die keinen Widerspruch duldete, morgen umgehend einen Termin bei seinem Hausarzt zu vereinbaren. Oder ich schleife ihn eigenhändig hin. So geht es nicht weiter, Kai. Merkst du es nicht? Da stimmt etwas ganz gewaltig NICHT.

Ich beobachtete schon die letzten Wochen und Tage, dass Kai irgend ein Problem hatte. Er nahm ab, obwohl er nicht weniger aß. Er war recht blass und irgendwie fehlte die Kraft, vor der er sonst nur so strotzte. Und das Essen. Meist wollte es nicht recht rutschen.

Eine Magenspiegelung wurde anberaumt. Eigentlich wollte ich gern dabei sein. Aber, wie das in unserer Familie so üblich ist, kommt meist irgendein Fiebervirus oder sonst ein Bakterium daher und durchkreuzt unsere Pläne. Nun brachten der fiebernde Nils und ich Kai gemeinsam in die Praxis und warteten zu hause darauf, ihn wieder abholen zu dürfen – am späten Nachmittag. Netterweise passte unsere hilfsbereite Nachbarin auf Nils auf, während ich ein zweites Mal in die Alexanderstraße fuhr. Kai empfing mich: wir müssen noch warten. Sollen noch mal ins Sprechzimmer. Hmm. Na gut. Dann erfahren wir wenigstens gleich, was Sache ist.

Sache war ein riesiger Tumor im Magen. Man erklärte es uns anhand einer grafischen Darstellung, die ich heute noch detailgetreu aufmalen könnte. Sache war, dass es bereits optisch als bösartig klassifiziert werden konnte. So ein Erfahrungsding, hieß es. Sache war, dass man eigentlich mit 34 Jahren nicht an Magenkrebs erkrankt. Und schon gleich gar nicht in diesem Ausmaß.
Also gut – packen wir es an. Chemotherapie und Bestrahlung sowie eine notwendige OP kamen zu Sprache. Ein Zusammenspiel aus allen dreien, Zeit für die Genesung würden es hinbekommen. Ohne Frage.
Termine für die CT, das Röntgen und dererlei wurden ausgemacht. Die Untersuchung durch den Radiologen gab uns Entwarnung. Gott sei Dank. NICHT GESTREUT. Puh. Haben wir aufgeatmet. Sind uns in die Arme gefallen. Küssten uns innig. Es blieb bei dem Tumor im Magen, den man locker rausschneiden würde können. Und das bisschen Chemo und Bestrahlung…pfff…ist doch egal. Ist zu schaffen. Hauptsache, man kann es behandeln.

„Was hat man Ihnen gesagt?“ Da ist sie wieder – die Frage. Die Frage, bei der mir schlagartig klar wurde, dass man uns wohl nicht alles gesagt hatte.

Ich hatte in Hinblick auf den Besuch in der Onko-Praxis vorher schon in meiner mir eigenen Gründlichkeit eine lange Liste mit Fragen in der Tasche. Ich schrieb mir alles auf, was mir in den vergangen Tagen in den Sinn kam. Zu allererst: wir haben vorgestern unseren Traumurlaub gebucht. Wollten das erste Mal mit Nils wegfliegen. Wellness am Strand. Meinen Sie, das geht? Oder sollen wir stornieren?
STORNIEREN. Bitte. Danke.

Mit Kai hatte ich vorher eine Auseinandersetzung. Für was brauchen wir ne Liste? Hmm? Die braucht doch kein Mensch. Jetzt übertreib mal nicht Anja. So schlimm wird’s schon nicht werden.

„Was hat man Ihnen gesagt?“ Ähh. Ja. Also, ein Tumor. Recht groß. Nicht gestreut.

Andreas lehnte sich zurück und schwieg einen Moment. Auch für einen Facharzt ist es sicher kein einfacher Moment,  junge Menschen, mitten im Leben stehend, vor sich sitzen zu sehen und ihnen sagen zu müssen, dass sie froh sein sollen, bereits ein Kind zu haben. Ein weiters würde nicht dazu kommen. Jedenfalls nicht von Kai. Es ist schlimm. Freilich hat der Tumor gestreut. Und zwar ordentlich. So ordentlich, dass er bereits den Magen verlassen und mit der Bauchdecke verwachsen ist. Der Krebs hat so gründlich gearbeitet, dass eine Operation in diesem Zustand nicht zu machen wäre. Muss wohl in der Familie liegen. Das Motto der Gründlichkeit. Das Karzinom hat sich so durchgesetzt, dass die Ärzte des Klinikum Palliativ behandelt hätten. Die Symptome behandeln, das geht, aber die Krankheit? Da wird man nichts mehr machen können. Man stellte uns vor die Wahl – Krankenhaus oder ambulante Behandlung. Ins Krankenhaus? Nee, ich geh doch nicht da hoch, wenn es nicht sein muss. Das Essen dort…furchtbar. Argumentierte Kai.
Und schon waren die Würfel gefallen.

„Herr Lauckner, ich kann Ihnen nicht sagen, wie es ausgeht. Wir haben es nicht in der Hand. Und hier haben wir es wieder – wir sind die anderen.“ Es trat hektische Betriebsamkeit in den Ablaufplan. So schnell wie möglich solle gehandelt werden. Wir hätten keine Zeit zu verlieren. Würde man jetzt nichts machen, dann – Weihnachten? Ein Weihnachten noch einmal zu erleben, stand dann plötzlich auf der Kippe. „Kristin – sehen Sie zu, dass sie für morgen – egal wo – einen Termin für eine Portimplantation für Herrn Lauckner bekommen.“ Wir gehen volles Risiko – sonst haben wir keine Chance. Eine Woche 24h-Chemo…nonstop…dann Pause…dann Blutkontrolle…dann 7 Tage 24h-Pumpe. Cisplatin. Volle Kanne. 3 Monate – dann sehen wir weiter.

„Haben Sie Fragen?“ „Tja. Hmm. Also meine Frau. Die hat da so eine Liste.“

Ach, trotz allem, in diesem Moment hätte ich ihn küssen können. Manchmal lohnte es sich eben doch, sich durchzusetzen und gründlich zu sein.

Anhand dieser offenen Worte von Andreas – dem Onko-Doc – haben wir beide von Beginn an gewusst, dass es Ernst ist und letzten Endes auf Dauer nicht gut ausgehen wird. Wir haben es beide gespürt. Bei all der Hoffnung, die wir immer hatten, haben wir der Realität niemals den Rücken gekehrt. Das hat uns beide verbunden und geholfen, so zu leben, wie wir es in den kommenden Monaten taten. Nochmal mehr. Das war sehr, sehr viel Wert.

Wir fuhren noch am Abend in die ambulante Chirurgische Praxis. Während wir auf den Arzt warteten, informierte ich via Handy auf dem Parkplatz meine Eltern. Und als ich die Stimme meiner Mutter am anderen Ende hörte, fing ich an zu weinen. Von jetzt auf gleich. Unhaltbar. Ich werde ihn verlieren. Ich weiß es ganz genau. Ich merke es. Ich konnte kaum sprechen vor Verzweiflung. Und sie waren da. Meine Eltern. Immer und die ganze Zeit. Manchmal ziemlich sehr aber niemals zu wenig. Und meine Eltern, beide den Krebs besiegt habend, wussten, wie ich. Das wird nicht gut ausgehen. Es stellt sich nur die Frage nach der Zeit.

Und der Chirurg stellte Kai diese eine Frage. Die eine Frage, die ihn fast zwei Jahre begleitete: „Sagen Sie Herr Lauckner, sie haben nichts gemerkt? Es ist uns unerklärlich, wie ein Tumor so groß und aggressiv werden kann, ohne dass man es mitbekommt.“ „Nein, ich habe nichts gemerkt. Bis vor drei Wochen.“ Und so war es. Alle Symptome, die darauf aufmerksam machen sollten, traten erst in den vergangenen drei Wochen auf. Selbst ein groß angelegtes Blutbild wenige Monate zu vor, sprach eindeutig: Sie sind gesund, Herr Lauckner. Keine Auffälligkeiten.

Tauchen wir ein in ein Leben, dass mit dem Tod endet. In ein Leben voller Tränen und mit noch vollerem Lachen. Ein Leben, dass uns Momente der Unvergesslichkeit bescherte. Unvergessen Wunderschönes. Unvergessen Leidtragendes.

Tauchen wir ein in die intensivsten zwei Jahre, die wir je hatten. Die Jahre, die uns vieles offenbart, gezeigt und gelehrt haben. Zwei Jahre mit einem Mann an meiner Seite, der manchmal nicht hätte schwieriger sein können. Zwei Jahre mit einer Frau an seiner Seite, die manchmal nicht hätte schwieriger sein können. Zwei Jahre voller emotionaler Erlebnisse, die es mir heute ermöglichen, mit einem freien Lächeln zurück denken zu können. Eine kleine Träne wegwischend.

Advertisements

3 Gedanken zu “„Was hat man Ihnen gesagt?“

  1. Oh Man Anja, dass ist wieder so ergreifend. Ich lese dien Worte und kann es vor meinem Auge sehen. Als damals mein Papa das selbe durch machte und all diese Symptome hatte. Da rollen die Tränen direkt über mein Gesicht. Ich kannte Kai ja nur kurz aber ich empfand Ihn als sehr starken und glücklichen Vater und Ehemann. Ich bewundere Dich für Deine Kraft all das durch das Schreiben noch einmal zu erleben.

    1. Danke, Micha.
      Das Schreiben ist wie eine wohltuende Infusion für mich. So nenn ich das mal. Ich wusste es nicht – aber, irgendwie ist es dann doch „irgendwie meins“. Es geht von ganz allein. Ohne Grundlage außer nicht völlig ne Niete im Deutsch-LK gewesen zu sein ;-). Kraft brauche ich dafür – für die Reflektion des Erlebten – irgendwie gar nicht. Komisch,oder? Ich ziehe daraus so unglaublich viel Positives…also genau das Gegenteil.
      Lass es Dir gut gehen und lieben Dank für Deine Zeilen! Anja

  2. Hallo Anja,
    auch mein Mann hat die Diagnose Magenkrebs erhalten. Der sehr groß ist und der noch nicht in den Darm gestreut hat. Heute wurde Gewebe aus der Lunge entnommen. Freitag werden wir wissen ob auch da keine Metastasen sind oder ob er ab da Palliativ sein wird. Oft weiß ich nicht, wie ich es ertragen soll, diese Angst um ihn frisst mich auf. Bis vor 4 Wochen hatte er keine Anzeichen. Kein Gewichtsverlust… Nichts! Dann von jetzt auf gleich, Übelkeit und Erbrechen. Er ist dann hin zum Arzt, der ihn vorsorglich ins Krankenhaus einwies. Untersuchungen zeigten schnell, dass er einen bösartigen Tumor im Magen hat… Ich erahne, wie du dich gefühlt haben musst. Ich hoffe so sehr, dass keine Metastasen in der Lunge sind, dann würden die Ärzte operieren… Doch im Inneren weiß ich, ich werde ihn verlieren.
    Danke für dein Blog…
    Und alles Gute für dich und deinen Sohn.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s